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Die Erde ist in Not!

Nahaufnahme von langstieligen, gruenen Blaettern.

Erstveröffentlichung auf Heilnetz.de am 3. Nov 2025, überarbeitet und ergänzt am 30. Dez 2025

Die Erde ist in Not, und wir mit ihr. In Lateinamerika ist das Bewusstsein darüber Alltag – Realität. In Deutschland, in Europa wird Klimaschutz als Option behandelt und politisch wie wirtschaftlich immer wieder beschnitten und verschoben. Im Vorfeld der globalen Klimakonferenz 2025 ist Kolumbiens Präsident Gustavo Petro deshalb unmissverständlich: „Uns bleiben noch zehn Jahre!“


„Salva la selva, salva la humanidad“

„Den Amazonasregenwald zu retten heißt, die Menschheit zu retten!“1 – Vom 10. bis 21. November 2025 ist im brasilianischen Belém, mitten im Amazonasgebiet, die 30. UN-Klimakonferenz, die COP 30. Auf ihr wird sich entscheiden, wie, bis wann und durch wen finanziert Klimaschutzmaßnahmen umgesetzt werden, der CO2-Ausstoß reduziert, Schutzgebiete angelegt, indigene Rechte geschützt oder eben verwässert und übergangen werden.

Bereits im Vorfeld werden Gespräche und Verhandlungen geführt. In diesem Rahmen können auch indigene Gemeinschaften, die so genannten ersten Völker, ihre Erfahrungen, Kämpfe und Forderungen formulieren. Stimmberechtigt sind sie bis heute dennoch nicht2, erdölfördernde Länder und Länder mit hohem Verbrauch an fossilen Energien dagegen schon. Dass das ein Hindernis für konstruktive Lösungen ist, die allen zugute kommen, liegt nahe. Dass die Konferenz jetzt in Lateinamerika stattfindet, ist eine Chance. Denn viele Länder haben hier zum einen massiv mit den Auswirkungen des Klimawandels zu kämpfen, zum anderen gibt es zurzeit besonders in Kolumbien, Mexiko, Honduras, Guatemala, Chile und Brasilien starke, progressive Regierungen3. Es ist zu erwarten, dass sie sich unter der Leitung Brasiliens dafür einsetzen, dass dem Schutz der Erde eine höhere Bedeutung vor ihrer Ausbeutung beigemessen wird.

Die aktuelle Situation: Kein Raum mehr für ‚Deals‘!

Der Anstieg der globalen Erderwärmung um 1,5 Grad gegenüber dem vorindustriellen Zeitalter birgt wissenschaftlich gesichert bereits eine enorme Gefahr, dass die so genannten Kipppunkte im Erdklimasystem ausgelöst werden. Aktuell liegen wir bei 1,4 Grad und bereits jetzt gelten die Korallenriffe als einer der Kipppunkte als verloren4. Auch der Permafrostboden und die inländischen Eisschilde Grönlands und der Westantarktis könnten ihre bereits überschritten haben5. Der diesen Monat veröffentlichte „Global Tipping Points Report 2025“ bestätigt, dass spätestens in zehn Jahren die 1,5 Grad dauerhaft erreicht werden6 und nach dem am 15. Oktober 2025 veröffentlichten Treibhausgas-Bericht der Weltorganisation für Meteorologie ist das Jahr 2024 das bisher heißeste gewesen und der Anstieg der CO2-Emissionen absolut verheerend7.

In Südamerika, Nordamerika und Kanada brennen in den letzten Jahren die Wälder wie nie zuvor8; im April 2025 gab es in Bolivien und jetzt im Oktober in Mexiko landesweit die seit Jahrzehnten heftigsten Regenmassen mit vielen Toten, Verletzten, Menschen, die ihr Zuhause verloren haben, Verwüstungen9; nach einem Gletscherabbruch wird im Mai 2025 das Schweizer Dorf Blatten komplett verschüttet10 und die Meere, die über 90 Prozent der Erderwärmung abpuffern, erhitzen sich vier Mal schneller als in den 80er Jahren11. Und mitten im Amazonasgebiet, dem Herzen der ökologischen Diversität und essentiellem Kipppunkt, trocknen die Flüsse aus12, sterben die Flussdelfine an Überhitzung des Wassers13 und besonders ältere Menschen und Kinder der indigenen Völker an extremster Unterernährung, weil zeitweise Armadas von bis zu 25.000 Goldsuchern den Rest der Flüsse vergiften und so deren Lebensgrundlagen zerstören14.

Durchbruch und Ernüchterung

Währenddessen waren vor zehn Jahren, zum Abschluss der Klimakonferenz 2015 in Paris, die Teilnehmenden erschöpft und euphorisch zugleich: zum ersten Mal hatten sich alle 195 Staaten auf den gemeinsamen Kampf gegen den Klimawandel und die Beschränkung der Erderwärmung geeinigt und einen Aktionsplan beschlossen. Ebenfalls festgehalten wurde, dass sich die Vertragsstaaten bis zum 10. Februar 2025 verpflichteten, ihren Weg zur Minderung der Emissionen bis 2035 vorzulegen. Nur zehn der 195 Parteien, darunter kein Land der EU, haben das gemacht; und diese zehn sind, so sieht es nach erster Analyse aus, ungenügend für das 1,5-Grad-Ziel15.

Gier oder Leben

So hart also um das Ergebnis gerungen wurde, so wenig hat sich im Bewusstsein verändert: das Wachstumsmantra und Gier als sein Antrieb bleiben die Ausrichtung, – der Goldpreis beispielsweise befindet sich aktuell auf Rekordhoch; und – als eins seiner besonders pervertierten Aspekte – ist der fast trunkene Zustand der Rüstungsbranche und seiner Anleger:innen zu nennen, die sich in den Nachrichten über „klingelnde Kriegskassen für dein Depot“16 und exorbitante Gewinnmöglichkeiten überschlagen… .

Was braucht es also? Ein Handeln, dass von einem „außergewöhnlichen Maß von Verständnis, Vorstellungskraft und politischem und moralischem Mut“ geprägt ist. Das Zitat ist aus dem Bericht „Die Grenzen des Wachstums“ des Club of Rome aus dem Jahr 197217. Er wurde in 30 Sprachen übersetzt und 30 Millionen Mal verkauft. Anlass war die internationale Frage, ob lokale Handlungen globale Auswirkungen haben. Die Antwort war klar und richtungsweisend: Ja, ist es! Und: das gilt sowohl für fortgesetztes Wachstum in die zerstörerische Richtung, wie auch in die zur Schaffung eines Gleichgewichts. Entscheidend ist, was in den kommenden Jahren getan werden würde. Dabei arbeitet die Studie mit genau den fünf Parametern Industrialisierung, Bevölkerungswachstum, Unterernährung, Ausbeutung von Rohstoffen und Zerstörung von Lebensraum, die heute Ursachen und Auswirkungen umfassen und beschrieb, was jetzt Fakt ist.

Die wissenschaftlichen Berichte und Warnungen stapeln sich also in diesem halben Jahrhundert, so dass nie Gebrauch gemacht werden musste von dem noch 1992 in Rio de Janeiro auf der Konferenz der Vereinten Nationen über Umwelt und Entwicklung festgelegten Vorsorgeprinzip, das besagt, dass „angesichts der Gefahr irreversibler Umweltschäden ein Mangel an vollständiger wissenschaftlicher Gewissheit nicht als Entschuldigung dafür dienen [soll], Maßnahmen hinauszuzögern, die in sich selbst gerechtfertigt sind.“18 Es ist schon skurril, das angesichts der heutigen Situation und der frühen Warnungen zu lesen.

Alles hängt zusammen – von Interdependenzen und Kreisläufen

Der Dalai Lama hat im Januar 2021 ein langes Online-Livegespräch gemeinsam mit der Klimaaktivistin Greta Thunberg und Klima-Wissenschaftler:innen geführt, das fast eine Million Menschen sahen19. Thema war die Erderwärmung und die Bedeutung so genannter Feedback-Loops20, Rückkopplungseffekte, die das Weltklima nochmal schneller zum Zusammenbruch bringen könnten und in den Berechnungen bisher zu wenig berücksichtigt werden.

Die essentiellen Erkenntnisse und Feststellungen aller bisherigen Untersuchungen, Studien und Forschungen und auch aus diesem Gespräch hatten immer mit der Tatsache zu tun, in immer feineren Nuancen, dass alles miteinander verbunden ist, alles zusammenhängt. Unser Tun hier bewirkt etwas an einem anderen Ort, wir sind Teil eines Ganzen. Wir verhalten uns nicht so, als wenn wir um diese Essenz wüssten und wir argumentieren oft auch nicht so, wenn es darum geht, selbst aktiv zu werden, aber es ist die zugrundeliegende Tatsache.

Ursachen und Auswirkungen – Interdependenz und das zugrundeliegende Prinzip der Leerheit (nach Nagarjuna21) ist auch das zentrale Thema in den Lehren und Vorträgen des Dalai Lama, ob er über die Klimakrise spricht und die Notwendigkeit, gemeinsam zu handeln oder über das Entwickeln von Mitgefühl und die Weisheit des Verzeihens22. Dieses Prinzip zu verinnerlichen, – das Bewusstsein, dass nichts aus sich selbst heraus existieren kann und die Fürsorge für das Detail, unabhängig davon, ob mein Nachbar es genauso macht, Teil der Fürsorge für das Ganze ist, das wiederum zu meinem Wohlbefinden beiträgt –, würde uns ermöglichen, über unseren persönlichen Ausschnitt hinaus das ganze Bild zu betrachten, und zu verstehen und die Bereitschaft zu entwickeln, dass diese Herausforderung die ganze Menschheit betrifft, die wir nur gemeinsam lösen können.

Es gibt viele Möglichkeiten zu handeln und es braucht uns alle.

Ist also alles angesichts der höchst besorgniserregenden Situation verloren? Nein! Denn so wie wir zurzeit negative Kipppunkte hervorrufen, so können wir auch positive Kipppunkte bewirken – auch das benennt der Global Tipping Points Report 2025: „Wenn politische Maßnahmen, technologische Innovationen und zivilgesellschaftliches Engagement ineinandergreifen, kann daraus eine Kaskade positiver Veränderungen entstehen.“23 und bestätigt darin den Bericht aus dem Jahr 1972, auch wenn wir es heute mit einer unvergleichlichen Dringlichkeit zu tun haben.

Das wichtigste: uns bewusst zu machen und zu akzeptieren, dass es uns alle betrifft und uns alle braucht, egal ob Politiker:in oder Bürger:in; wir sind als Teile einer Gemeinschaft alle politisch und bestimmen gemeinsam, wie wir leben wollen. Von daher ist es irrelevant für die Handlungsentscheidung, ob das benachbarte Land noch Atomstrom verwendet oder Menschen in der Nachbarschaft den Müll trennen oder nicht. Wenn wir unbeirrt und freundlich weitergehen, ein bisschen so wie Tyson Yunkaporta in seinem Buch „Sandtalk“ das Phänomen des „seltsamen Attraktors“ beschreibt, bei dem ein Einzelner vorangeht und zunächst nicht wahrgenommen oder belächelt wird, aber ab einem bestimmten (Kipp-)Punkt wird es die Richtung, in die alle gehen. Und es werden immer mehr, auch wenn es manchmal nicht so wirkt, die an verschiedensten Orten vorangehen, mit guten Ideen, viel Mut, Visionen und umgesetzten Träumen, bei denen Gerechtigkeit, Würde, ein wertschätzendes Miteinander und der Schutz der Erde im Mittelpunkt stehen.

P.S.: Im Nachklapp der Weltklimakonferenz kann das zivilgesellschaftliche Engagement allerdings nicht hoch genug betont werden, angesichts eines über die Maßen und wiederholt unreifen Verhaltens des aktuellen Kanzlers Friedrich Merz, dessen Aufmerksamkeit bei der COP30 mehr auf persönlichen Bedürftigkeiten und (Un-)Annehmlichkeiten lag. So sei er froh gewesen, den Ort der Veranstaltung wieder verlassen zu können, dass hätten die mit ihm reisenden Journalisten auch so gesehen.24

In Belém war zeitgleich zur COP30 auch der „Gipfel der Völker“, bei dem viele Menschen, die sich für den Schutz der Erde einsetzen, und vor allem indigene Gemeinschaften zusammenkamen, auf dem wie schon zwei Jahre zuvor in Brüssel einige der lateinamerikanischen Präsident:innen sprachen und die abschließend eine gemeinsame Erklärung abgaben, in der die kapitalistische Wirtschaftsform, das fortwährende Wachstumsmantra, dem nach wie vor auch alle Klimaschutzmaßnahmen unterworfen sind und so eine durchgreifende Wirkung verhindern und die anhaltende Ausbeutung der Erde unmissverständlich als Ursache der Klimakrise benannt wurden.
Die Bedrücktheit angesichts der Situation, vor Ort und mitten im Amazonas, die sicherlich spürbar gewesen sein muss, auszudrücken; vielleicht die Berührtheit und das Beeindrucken durch die vielen verschiedenen indigenen Nationen, die engagiert und aktiv vor Ort anwesend waren und mit denen es sonst kaum Berührungspunkte geben wird; gepaart mit der Tatsache, dass die Industriestaaten, allen voran die Hauptländer der EU, für Klimawandel und Ausbeutung der Erde wie der Menschen, besonders in Lateinamerika, verantwortlich sind, und auch, weil Deutschland die ILO 169 ratifiziert hat, bei dem es um den Schutz und die Mitbestimmung indigener Völker beispielsweise bei Rohstoffabkommen geht, wäre es, ergänzend zu Geld, dass in einen Klimaschutzfond gegeben wird, eine Gelegenheit gewesen, sich der auch historischen Notwendigkeit bewusst zu sein, gemeinsam und auf Augenhöhe zu gehen und diesem Ort und den Menschen den Respekt zu erweisen, unabhängig davon, ob es meinen gewohnten Vorstellungen entspricht oder nicht.

1https://www.youtube.com/watch?v=1V5NheaeyGw, Rede Gustavo Petro, Präsident Kolumbiens, 9. Sept. 2025

2https://www.scientists4future.at/2025/03/28/indigene-voelker-haben-sich-sitz-bei-der-cop-30-erkaempft/;

3Je konservativer und neoliberaler Regierungen besetzt sind, desto weniger Bedeutung wird dem Klimaschutz erfahrungsgemäß beigemessen. Rechte Regierungen leugnen ihn meist ganz – so ist die USA bspw. zum 2. Mal unter Trump aus dem Pariser Klimaabkommen ausgetreten. Das Eintreten für vielfältige und soziale Demokratien und damit dem Dialog sind deshalb Voraussetzungen für soziale Gerechtigkeit und einen wirksamen Schutz der Erde.

https://www.deutschlandfunkkultur.de/kommentar-zur-umweltpolitik-warum-der-konservatismus-seine-100.html

4https://www.zeit.de/wissen/umwelt/2025-10/klima-kipppunkte-korallen-meeresspiegel-bericht

5siehe da

6https://www.deutschlandfunk.de/klima-kipppunkte-global-tipping-points-report-100.html

7https://www.br.de/nachrichten/wissen/rekordanstieg-der-co2-konzentration-in-der-atmosphaere,UzhA9rZ

8https://www.sueddeutsche.de/panorama/bolivien-waldbraende-suedamerika-katastrophe-lux.GJ257yhnreq3odAJzQMrUd; https://www.zeit.de/wissen/2024-12/waldbraende-suedamerika-nordamerika-co2-klimawandel

9https://www.srf.ch/news/international/nationaler-notstand-ausgerufen-heftige-regenfaelle-stuerzen-bolivien-in-eine-krise; https://www.sueddeutsche.de/panorama/naturkatastrophe-unwetter-in-mexiko-260-orte-von-aussenwelt-abgeschnitten-dpa.urn-newsml-dpa-com-20090101-251013-930-154848

10https://www.zdfheute.de/panorama/schweiz-bergsturz-wallis-blatten-alpen-gletscher-100.html

11https://www.mdr.de/wissen/umwelt-klima/Meeresoberflaechen-erwaermen-sich-immer-schneller-100.html; https://www.youtube.com/watch?v=xWWXD_NkpHs, Das Klima: Der Stand der Dinge, Vortrag Prof. Harald Lesch Universität Stuttgart, 11.12.2024

12https://www.faz.net/aktuell/wissen/forscher-amazonas-regenwald-droht-zur-savanne-zu-werden-17859636/brasilien-novo-progresso-17859641.html

13https://www.spiegel.de/international/world/a-taste-of-an-approaching-dystopia-the-death-of-the-amazon-river-dolphin-a-f093e376-b03a-4507-9bbb-2747e9462e38; https://www.tagesschau.de/ausland/amerika/amazonas-flussdelfine-100.html

14https://www.spektrum.de/news/hunger-und-malaria-ein-goldrausch-macht-die-yanomami-krank/2155239; https://www.survivalinternational.de/nachrichten/13606

15https://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/pariser-klimaabkommen-nur-zehn-von-195-staaten-liefern-rechtzeitig-neue-plaene-a-e208f1ed-3577-41d7-aae4-b584aaaa0eb9

16https://www.sharedeals.de/wissen/zukunftsmaerkte/ruestungsaktien/

17https://de.wikipedia.org/wiki/Die_Grenzen_des_Wachstums

18https://de.wikipedia.org/wiki/Vorsorgeprinzip

19https://de.dalailama.com/videos/im-gespr%C3%A4ch-mit-greta-thunberg-und-f%C3%BChrenden-wissenschaftlern (mit deutscher Übersetzung) https://www.youtube.com/watch?v=u9GXgOMMeTg (original, englisch)

20https://science.orf.at/stories/3217731/

21https://www.3sat.de/wissen/scobel/220714-youtube-nagarjuna-100.html

22Das Prinzip der Leerheit u.a. in: Die Weisheit des Verzeihens, Dalai Lama mit Victor Chan, erhältlich als Buch und ungekürzte Hör-CD.

23https://www.deutschlandfunk.de/klima-kipppunkte-global-tipping-points-report-100.html

24https://www.zeit.de/politik/deutschland/2025-11/brasilien-merz-belem-klimakonferenz