Allgemein Indigene Weisheitslehren

Ch’ulel – acht Kostbarkeiten zur Rettung der Welt

Im Kaleidoskop zeigt sich Natur in Facetten

Teil 1: Einleitung und „Das wahre Wort“ – Indigene Sprachen als Schlüssel zu einem tieferen Verstehen (1/8)1

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Por la vida – für das Leben

Die kollektive Denk- und Handelsweise, das allumfassende Naturverständnis sowie das Verständnis von Zeit als einem Kontinuum sind Kernpunkte indigenen Wissens. Sie prägen den sozialen Aufbau ihrer Gemeinschaften, den Umgang mit der Natur, den Blick auf die Ereignisse der Welt und auch ihre Form des kontinuierlichen Widerstands. Anlass und Ausrichtung dieses Widerstands sind nicht, eine Form der Gleichberechtigung zu erreichen, mit der sie eingegliedert und angeschlossen werden an das vorherrschende System der Industrienationen, deren Medizin, Ernährung, Bildung und Gesellschaftsform fernab ist von einer nachhaltigen und fürsorgenden Form des Zusammenlebens. Ihr Widerstand richtet sich aus auf den Erhalt ihres lokalen Lebensraumes und des darin enthaltenen und damit verbundenen Wissens. Das Anwenden und Leben dessen ermöglicht sowohl ihnen ein gesundes Leben in Harmonie, in Liebe und Verbundenheit zur Erde und als Teil der Ökologie, – wie wir es auch sind, nur haben wir es vergessen –, als auch das Erhalten eines Gleichgewichts, das uns allen zugute kommt.

Es ist in seiner Ganzheit ein Kampf2 für das Leben selbst, wie es auf vielen Demonstrationen und Protestmärschen zu hören ist – por la vida. Und es braucht auch uns, wie auch wir es brauchen, hier vor Ort wie an allen Orten, um gemeinsam ein Zusammenleben und eine Ökonomie aufzubauen, die dem Gemeinwohl dient und auf Fürsorge, Nachhaltigkeit, Menschlichkeit und Würde beruht und auch unsere Beziehung zur Erde wieder herstellt.

Zwei mächtige Mythen – gegen das Leben

Sind wir bereit, ehrlich hinzugucken und uns von der indigenen Sicht berühren zu lassen, verändert es unsere Perspektive auf das Leben grundlegend und eröffnet darin Möglichkeiten, den aktuellen schweren sozialen und Umweltkrisen auf eine Weise zu begegnen, die eine echte gesellschaftliche Transformation ermöglicht, die über eine reine Umverteilung materieller Mittel hinausgeht und das Wohl aller wie der Erde zusammendenkt.

Indem wir durch ihre Augen gucken, erkennen wir die Mythen, auf denen der zweifelhafte und hartnäckige „Erfolg“ unseres Wirtschafts- und Gesellschaftssystems beruht:

  • Die Trennung von Natur und Mensch, der Irrglaube einer voneinander isolierten Existenz (siehe auch Teil 4),
  • die Trennung der Welt in Subjekte und Objekte, denen eine subjektive Existenz abgesprochen wird (siehe auch Teil 4).

Es führte zu einer grausamen und uns selbst entmenschlichenden Legitimierung, sich die Welt anzueignen, zu benutzen, zu morden und zu zerstören. Es schuf mit der Invasion und den Raubzügen Ende des 15. Jahrhunderts in Lateinamerika die blutige Basis für ein mittlerweile global verbreitetes Wirtschafts- und Gesellschaftssystem, dass nie auf Gerechtigkeit ausgerichtet war, in dem Ausbeutung und Zerstörung zwingend Anteil hatten und haben müssen, um Gewinnmargen und Mehrwert zu schaffen, zu dem Kolonialismus, Versklavung, Ausgrenzung, Isolation und soziale Kälte gehören, Unterdrückung, Konkurrenz und Gegeneinander. Und immer noch wird von einigen wenigen hartnäckig der Eindruck vermittelt und die Angst verbreitet, dass es zu diesem System keine Alternative gibt, in dem selbst Kriege inklusive des Wiederaufbaus ohne mit der Wimper zu zucken als lukrative und sichere Investitionsquellen benannt und „eingepreist“ werden und selbst Pflege und Fürsorgearbeit in Minuten-Einheiten bewertet beziehungsweise nicht beachtet oder wertgeschätzt werden – Grundlagen eines guten Lebens und einer funktionierenden Gesellschaft! Soziale und ökologische Folgen dessen können daher aus einer innewohnenden Logik heraus nur kurzfristig abmildern, – wie man aktuell an den massiven Angriffen auf hart erkämpfte Sozialleistungen in Gesundheit, Arbeitsschutz, Rente und Teilhabe sieht.

Es ist also ein System, dass im wahrsten Sinn kein Herz hat und in dem Maß und Menschlichkeit verloren gingen. Nicht umsonst sagen die Zapatistas: „Wir kämpfen hart darum, unser Herz zu retten, arbeitet ihr daran, eures zurückzuholen.“3

Don’t look up oder „Es hat unser Herz noch nicht erreicht.“

Diese Irrlichter des Systems sind so hartnäckig, dass es eine überwiegend stillschweigende Akzeptanz erfährt, und selbst jetzt, in Zeiten verschärfter Krisen und unumstößlicher wissenschaftlicher Belege, keinen Aufschrei hervorruft bei der Mehrheit, keine Forderung nach einem Heraustreten und Ändern, kein umfassender Disput über die Notwendigkeit eines grundlegenden Wandels für notwendig gehalten wird. Wir sind also noch in dem Stadium „Don’t look up“, denn bei allem Verstehen der Fakten, so Prof. Dr. Beate Ratter, Wissenschaftlerin für Klimaanpassung, in einem Interview bei Quarks: „Es hat unser Herz noch nicht erreicht.“4, – um ins Handeln zu kommen und aus diesem über 500jährigen Alptraum zu erwachen.

Über den Januskopf hinausgehen

Zugleich wird die Bedeutung indigenen Wissens in der Suche nach „Lösungen“ für die Probleme der Welt in Literatur und öffentlichem Diskurs immer deutlicher betont: Der Philosoph Andreas Weber überschreibt sein Essay mit dem Titel „Indigenialität“; der Verlag des australischen Aborigine-Aktivisten und Autors Tyson Yunkaporta wählt für sein Buch „Sand talk“ in der Originalausgabe den Untertitel: „How Indigenous Thinking Can Save the World“; und jedes Jahr erneut betonen die Vereinten Nationen auf den Klima- und Biodiversitätskonferenzen die hohe Bedeutung indigener Kenntnisse zur Entwicklung und dem Erhalt der Biodiversität5, ökologischem Gleichgewicht und nachhaltiger Landwirtschaft.

So sehr deren Kenntnisse in bestimmten Zusammenhängen herausgehoben werden, so sehr beschränkt sich die Suche auf den Bereich innerhalb des ursächlichen Systems, bei dem nichts Grundsätzliches geändert werden muss. So gibt es zwar technische Ideen und Entwicklungen, beispielsweise auf verschiedenste Weise CO2 zu speichern und den Verbrauch von CO2 zu beschränken, aber da deren Entwürfe und Ausführungen der alten Logik von Handel und Gewinnmaximierung folgen, fällt auch die beste Idee irgendwann dem Markt zum Opfer und es ändert sich de facto nichts. So hat sich ein knallharter Handel mit CO2-Zertifikaten entwickelt, deren Inhalte nachgewiesener Maßen mit dem Schutz der Umwelt nicht mehr viel zu tun haben6.

Zugleich setzen sich zahlreiche zivilgesellschaftliche Vereine, Organisationen, Gruppen und Einzelpersonen auf vielfältige und kreative Weise für Dialog und Demokratie ein, Transparenz, Vielfalt und Integration, Menschlichkeit und Gerechtigkeit, Umweltschutz und Nachhaltigkeit, für ein gutes Zusammenleben.

Dennoch scheint das System wieder in alte Zeiten zurückzufallen und aggressiver und hemmungsloser zu werden als besser (vielleicht, weil es deutlich mehr sind, als öffentlich benannt wird, die für ein menschlicheres Zusammenleben eintreten). Nutzt also all der Widerstand, die Gutachten und wissenschaftlichen Berichte, wie gerade der Report des Expertenrats für Klimafragen nichts? Doch, denn sie sind alle wichtige Schritte auf dem Weg zu einem umfassenden Verstehen und der wachsenden Bereitschaft, umzudenken. Was es jetzt braucht, ist einen Schritt weiter zu gehen und ernsthaft über eine Wandlung hin zu einem gemeinwohlorientierten Zusammenleben zu debattieren, wir alle, und uns von dem gegen-das-alte hin zu einem für-das-Neue auszurichten.

Welchen Platz nimmt das indigene Wissen in diesem Prozess ein und wo stehen wir darin?

Sie spiegeln uns, wo wir falsch abgebogen sind, worin wir uns verloren haben und zeigen einen Weg raus, sehr konkret und klar. Es hat weder mit Ideologien zu tun, politischen Theorien, oder Religionen, es ist auch keine Methode oder ein Projekt, sondern ein Weg, ein Prozess des Umdenkens und des Wiedereinbeziehens oder Wiedervergesellschaftens des Herzens. Die Hinweise und Kenntnisse basieren auf uraltem Wissen, entstanden durch unvoreingenommenes Beobachten und Erfahren, ein lebendiges Wissen, dass kontinuierlich angewandt, gelebt und erweitert wurde, bis in die heutige Zeit. Der Weg, der sich daraus ergibt, ist einfach und folgerichtig; zugleich ist er herausfordernd, denn es verlangt die Entscheidung, genau hinzusehen und uns einzugestehen, dass das, was wir für den Kern der Welt halten, nicht stimmt: es gibt keine voneinander isolierte Existenz, keine Trennung von Natur hier und Mensch dort, nur ein Ganzes, von dem wir Teil sind, eine Ökologie; und: das aktuelle Wirtschafts- und Gesellschaftsmodell basiert zwingend auf Ausbeutung und Zerstörung, es gibt keine soziale, ökologische und gerechte Version dessen, das wäre ein anderes System, ohne Wachstumszwang.

Doch es lässt sich ändern, es verlangt Mut, ja, aber weggucken und weitermachen, als wenn nichts wäre wie in Don’t look up ist keine Alternative. Wenn wir ein wirklich gutes Leben wollen, das für alle gilt und auch unseren nachkommenden Generationen ein Überleben ermöglicht, müssen wir hingucken und uns zusammentun, sowohl für Proteste und Widerstand, als auch um zu debattieren. Es ist nicht weniger als ein Paradigmenwechsel und unsere Chance, die Kurve zu kriegen.

Indigene Sprachen als Schlüssel zu einem tieferen Verstehen7

Die Kernpunkte indigener Kosmologien sind das genaue Gegenteil der beiden Mythen oben:

  • alles steht miteinander in Beziehung und ergänzt sich, – Natur, Menschen, Erde, Kosmos
  • alles sind Subjekte, alles gehört zu einer Ökologie, einem Lebensraum; es gibt keine außenstehenden Objekte, alles ist Teil der einen lebendigen Welt, alles hat ein Herz.

Diese Kernpunkte spiegeln sich in ihren Sprachen, in denen das Wir im Zentrum steht und es weder Worte für ein isoliertes „Ich“ und „Du“ gibt, noch so genannte besitzanzeigende Fürwörter. Eigentum in dem Sinn gibt es nicht, lediglich einige persönliche Dinge, die aber ob des sterblich-seins eher als Leihgabe verstanden werden. Das Wissen, das innere Bewusstsein darüber, dass sich alles gegenseitig bedingt, dass alles in Beziehung steht, führt dazu, dass ein isolierter Eigentumsgedanke nicht existiert, nicht existieren kann, genauso wenig wie es in diesem Kontext ein isoliertes Wohlbefinden geben kann.

Wenn ich von mir als Person sprechen möchte, geschieht dies immer in Bezug zu Jemand oder Etwas. Es heißt zum Beispiel: Was sagt dein Herz? Das ist mehr als unser den einzelnen betreffenden „Wie geht es dir?“ und schließt in der Information auch ein, wie es der Gemeinschaft geht. Würde die Antwort lauten „Eins mein Herz.“, würde es dem Einzelnen und der Gemeinschaft gut gehen. Wäre die Antwort „Ich zähle mein Herz.“, würde gemeinsam überlegt werden, was es braucht, damit das Herz wieder vollständig ist. Der Zustand des Herzen des Einzelnen wie auch aller anderen Dinge wird kollektiv verstanden, weil sich das Wohlbefinden des Einzelnen und der Gruppe gegenseitig bedingt.

Im Prinzip ist es bei uns nicht anders, aber wir sind anders sozialisiert; in unseren Sprachen sind „ich“, „du“ und „mein“ zentral. Aus dieser Perspektive nimmt man die Dinge isoliert voneinander wahr, in Ausschnitten, als Gegensätze. Gegeneinander agieren, vergleichen und das Erstreben eines „besser sein als …“, – also Wettbewerb und Konkurrenz –, werden darin natürlicher Bestandteil.

Sterben und Tod, obwohl natürlicher Teil des Lebens, wird bei uns größtenteils ausgeblendet und etwas besitzen zu wollen entspringt auch dem Bedürfnis, der Sache und darüber auch mir Sicherheit und Dauerhaftigkeit geben zu wollen. Auch das kann nur Bestand haben, wenn ich Teile ausblende.


Übersicht über die acht Kostbarkeiten

  • Einleitung und „Das wahre Wort“ – indigene Sprachen als Schlüssel zu einem tieferen Verstehen
  • In Beziehung sein: Verortung, Einbindung und Würde
  • Zeit, Historie, Kontinuität & Kontinuum
  • Natur und Mensch – eine Ökologie
  • O’on und Ch’ulel – das Herz und sein Potenzial
  • Meister des Kollektiven, Meister des Wir: persönliche und kollektive Autonomie
  • Die zwei Arten der Arbeit
  • Das Wissen anwenden: Bilder eines besseren Lebens entwickeln und in die Welt bringen


  1. „Acht Kostbarkeiten“ werden die bekanntesten tibetischen Glückssymbole genannt – es soll insgesamt 100 geben und im chinesischen Konfuzianismus werden damit deren Symbole beschrieben. Es steht hier als Synonym. Die restlichen 92 kommen nach und nach. ↩︎

  2. Das Wort „Kampf“ steht anders als im Deutschen für ein tägliches, kontinuierliches und gemeinsames Handeln, Organisieren und Einsetzen für ein gutes Leben in Würde für alle. ↩︎

  3. Die Zitate und später genannten Sprach-Beispiele kommen aus der Broschüre „In ihrer eigenen Sprache – Bats’i K’op Zapatista“ aus dem Jahr 2021. Wer Interesse daran hat, bitte eine Mail senden. Ich schicke die Broschüre dann gerne als pdf. ↩︎

  4. „Klimawandel: Anpassen, aber wie konkret?“, WDR 5 Quarks – Wissenschaft und mehr, 31.7.2025, Interview mit Beate M.W. Ratter, Professorin für integrative Geographie. ↩︎

  5. Siehe auch der Artikel „30×30“ zur Kehrseite dieser Glorifizierung: https://www.schamanische-begleitung-ruhr.de/umstrittenes-projekt-dreissig-prozent-der-erde-unter-naturschutz/ ↩︎

  6. https://www.deutschlandfunknova.de/beitrag/klimaausgleich-co2-kompensation-funktioniert-nur-sehr-maessig; https://www.br.de/nachrichten/deutschland-welt/co-kompensation-ueberschaetzt-und-irrefuehrend,UJEkLYO ↩︎

  7. Die indigene, aus verschiedenen Gemeinschaften bestehende zapatistische Widerstandsbewegung im Süden Mexikos kämpft seit 1983 um soziale Rechte und Land. Gemeinsam haben sie soziale Strukturen aufgebaut und vor circa 20 Jahren auch ein Sprachenzentrum für Außenstehende eröffnet. Darin erläutern sie über das Unterrichten vor allem der Maya-Sprache Tsotsil die indigene Kosmologie und ihre darauf beruhende Art des kontinuierlichen Widerstands. ↩︎